Ein paar Worte über das Stillen

Als die Journalistin Lilian Fritze damals fordert, dass Mütter ihre Brüste nicht in fremde Teller halten sollen, hat es mir wie man Schweizerdeutsch so schön sagt, den Nuggi rausgejagt.

Ich habe ihr dann einen offenen Brief via Netmoms geschrieben. Um mich für jede stillende Mama einzusetzen und um solches Verhalten unter Frauen nicht zu unterstützen. Wir sind so so so viel mehr! Es war damals eine ziemlich grosse Sache. Shitstorms all over the internet. Sogar Supernanny Katja Saalfrank hat meinen Artikel geteilt. Hier ist der Brief.

Liebe Lilian,

da wir uns sogar persönlich von unserer Primarschulzeit kennen, verzichte ich auf das Sie und erlaube mir hiermit ganz salopp das Du. Auch wenn Dein Text mich persönlich aufgebracht und getroffen hat, möchte ich in diesem offenen Brief Gefühle wie Wut, Hilflosigkeit und Enttäuschung außen vor lassen und Dir einfach von Frau zu Frau etwas mit auf den Weg geben.

Ich habe Deinen Artikel gelesen und finde es toll, dass Du Dir eine eigene Meinung bildest. Frauen, die stark auftreten und mit einer eigenen Idee oder Meinung polarisieren, finde ich etwas Wunderbares. Dass wir heutzutage so viele Freiheiten haben und uns dies überhaupt erlauben dürfen, verdanken wir unseren starken Vorfahrinnen, die sich dieses Recht – und viele andere – hart erkämpft und sich für gute Sachen eingesetzt haben.

„Der Schuss ist nach hinten losgegangen“

Dein Artikel hat ja einen regelrechten Shitstorm ausgelöst und ich hoffe, die Kommentare (es waren auch einige aufgebrachte von mir dabei) haben Dich nicht zu hart getroffen. Auch wenn Du Dich mit Deinem Artikel wohl als selbstbewusste emanzipierte Frau des 21. Jahrhunderts darstellen wolltest, wirst Du mir wohl Recht geben, dass dieser Schuss ein bisschen nach hinten losgegangen ist.

9 bis 10 Monate Schwangerschaft verändern den weiblichen Körper immens und man kriegt nicht nur einen großen Bauch und große Brüste. Auch innerlich durchleben wir als Schwangere und/oder Mamas so vieles – das glaubt man nur, wenn man es selbst erlebt hat. Von Übelkeit zu Schlaflosigkeit über Rückenweh und Unbeweglichkeit. Von den emotionalen Faktoren möchte ich gar nicht erst sprechen. All dies sind Dinge, die man kaum kontrollieren kann und trotzdem sein Bestes gibt für sich und für sein Baby.

„Ein riesiger Druck, der geht und ein wundervolles Wesen, das kommt“

Weiter geht es zur Geburt, hier gilt genau dasselbe. So viele Emotionen auf einmal. Ein riesiger Druck, der geht und ein wundervolles Wesen, das kommt. Es passiert innerhalb kürzester Zeit (die einem aber auch sehr lang vorkommen kann) so unglaublich viel. Es ist fantastisch und überwältigend, wozu wir Frauen und unsere Körper fähig sind.

Danach geht es weiter (und hier landen wir bei Deinem „Problem“) mit dem Stillen. Die Brustwarzen schmerzen die ersten Tage und Wochen. Das ist zwar ganz normal, aber wirklich schmerzhaft. Das ist, als ob Du Dir ein Tattoo auf Deine Brustwarzen stechen lassen würdest. Einfach im 20-Minuten-Takt. Das Baby muss erst noch lernen richtig zu trinken.

Du musst erst noch lernen, Deinem Baby zu helfen. Wie schön und trotzdem keine Selbstverständlichkeit, wenn das alles klappt. Dein Baby ist zufrieden und glücklich, so nah an Mamas Herz zu sein und ihre Wärme zu spüren. So ein wunderschönes Gefühl, aber auch dieses ist nicht wirklich zu beschreiben, sondern vielmehr selbst zu erleben.

Und auch wenn ich verstehe, dass Du als kinderlose, junge, zielstrebige Karrierefrau weder Nerven noch Zeit für Kinder hast, ist es gar nicht die feine englische Art, den Lebensstil anderer Leute (Ja, stillen gehört zu unserem Leben wie der Ikea-Besuch zu Deinem) so anzufeinden, wie Du es in Deinem Artikel getan hast. Wusstest Du, dass man sich selber nicht besser macht, indem man andere schlechter macht? Natürlich wusstest Du es, Du scheinst es einfach vor lauter schmatzenden Babys vergessen zu haben. Kann ja mal passieren.

„Sie hat Dich nicht einmal bemerkt“

Denn die Mama, die Du bei Ikea siehst – in ihrem Still- BH der Dir aufgefallen ist – diese Mama ist wahrscheinlich hundemüde. Sie konnte sehr wahrscheinlich seit etwas mehr als 6 Monaten nicht mehr länger als 3 Stunden am Stück schlafen. Diese Mama kümmert sich liebevoll und fürsorglich um ein so kleines, hilfloses Wesen, das gemeinsam mit ihr noch so viel lernen wird. Diese Mama ist wohl total fertig und glücklich, überhaupt ein Plätzchen bei Ikea gefunden zu haben, an dem sie die Bedürfnisse ihres Kindes STILLEN und selbst an einem Glas Wasser nippen kann.

Diese Mama ist froh, dass ihr Baby nicht mehr weint und es jetzt etwas essen kann. Sie hat Dich nicht einmal bemerkt, wie Du da an deinem Tisch sitzt und Dich über andere Leute und deren Kinder aufregst. Sie hat alle Hände voll zu tun und ist vielleicht ihren eigenen Grenzen gerade sehr nahe.

Diese Mama ist unsicher, hier ihren BH zu öffnen, aber sie tut es aus Liebe zu ihrem Kind. Sie tut es nicht, weil sie Dir ihre Brüste zeigen, geschweige denn in den Teller halten will. Das Selbstbewusstsein dieser Mama nach einer Geburt ist nicht gerade in Höchstform. Es braucht alles seine Zeit und ein bisschen Mitgefühl. Diese Mama hätte sich über ein aufmunterndes Lächeln oder ein freundliches Wort Deinerseits so sehr gefreut. Vielleicht hättest Du ihr auch den Schnuller aufheben oder das Spucktuch reichen können, als sie alle Hände voll zu tun hatte.

„Mitgefühl ist gratis und gut“

Denn auch wenn Du ohne Kinder da warst und vielleicht nie welche haben wirst, Mitgefühl, liebe Lilian, ist gratis und gut. Mitgefühl macht Dich stark, als Mensch und als Frau. Und demonstriert Solidarität. Unter Frauen. Solidarität unter Frauen ist klasse und emanzipiert. Und für das möchtest Du doch stehen.

Falls Du über wenig oder gar kein Mitgefühl verfügst, was auch okay ist, dann bitte sage doch gar nichts dazu, denk Dir Deinen Teil und betreibe danach Psychohygiene bei Deiner besten Freundin. Weißt Du, wie viele Frauen Du entmutigt hast mit Deinem Artikel? Wenn es nur eine ist, ist es eine zu viel. Denn zeugt es denn nicht von Emanzipation und Selbstbewusstsein, wenn man andere Frauen unterstützt, auch wenn diese andere Ziele haben?

Ach, es ist so wichtig, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit stillen, Mut zugesprochen wird oder dass man ihnen zumindest nett zulächelt. Denn aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass es viel Mut und Überwindung braucht, in der Öffentlichkeit zu stillen. Und genau so musste sich diese Frau überwinden. Du musst auch gar kein Fan werden von stillenden Mamas. Aber bedenke bitte, dass genauso wie ich Dir nicht sage, wie Du Dein Essen zu essen hast, Du es auch nicht mir oder meinem Baby sagen musst. Toleranz nennt sich das.

„Leben und stillen lassen“

Also wenn Dein Mitgefühl gerade Urlaub macht (hoffentlich nicht an einem Oben-ohne-Strand), dann appelliere ich hiermit freundlich an Deine Toleranz. Leben und stillen lassen. Eines kann ich Dir versichern, Lilian: Diese Mama stillt aus vielen Gründen, aber Dich zu ärgern oder Dir Dein Köttbullar zu verderben, das schwöre ich Dir, ist ganz sicher keiner davon. Aber Momente, in denen sie sich mit jemandem verbunden fühlt, in denen sie jemand ermutigt oder zumindest nicht öffentlich denunziert, helfen ihr, durchzuhalten auf dem Weg des Elternseins – für den es (leider) nicht so einen allgemeinen Lehrplan gibt wie für ein Studium.

Wie dem auch sei, Prioritäten kommen und gehen. Und mit einem Baby werden sie so richtig umgekrempelt. Ich wünsche Dir alles Gute und viel Erfolg in Deinem Leben. Und dass Du offen sein kannst für andere Formen des Lebens. Für andere Kulturen, für andere Sitten und natürlich für andere Brüste.

Herzlichst
Deborah

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