Bitte dein Baby nicht schreien lassen und was das mit Hitler zu tun hat!

Bei unserem ersten Kind haben wir doch ab und zu nett gemeinte Ratschläge erhalten von Bekannten oder  Verwandten. Dem Baby ja nicht alles durchgehen lassen. Es merkt, wie es euch um den Finger wickelt oder auch ein bisschen Schreien lassen stärkt die Lungenflügel. Bull-fucking-shit. Sorry! Ich kann es nicht anders sagen.

Mittlerweile gibt es kaum mehr Menschen in unseren Leben, die ernsthaft sowas verbreiten. Zum Glück. Zuerst einmal etwas Grundsätzliches über das Schreien von Babies:

  • Niemand weint grundlos.  Es gibt mehrere Gründe, weshalb Babies häufiger weinen als grössere Kinder. Der Hauptgrund Weinen ist ihr primäres Kommunikationsmittel. Sprechen können sie ja noch nicht und konkret auf das Unbehagen hinweisen. Weinen ist also für „Ich habe Angst“ über „Ich habe Hunger“ bis hin zu „Mich juckt es am Rücken“ zu „Mein Magen tut weh“ ziemlich universell und durchs Band einsetzbar. Die Herausforderung ist also herauszufinden ob das Kind Hunger oder kalt hat. Ob es Nähe sucht oder gerade Ruhe braucht.
  • Das heisst aber nicht das man nicht weinen darf. Die schweizerisch-amerikanische Entwicklungspsychologin Aletha Solter ist davon überzeugt, dass wir dazu tendieren unsere Kinder zum Schweigen bringen zu wollen. Was per se nicht richtig ist. Denn im Erwachsenenleben haben ja auch viele noch das Gefühl nichts sagen zu dürfen, ruhig sein zu müssen oder sogar das Weinen nicht zulassen dürfen. Sie empfiehlt statt des zu aktiven Beruhigen-wollens sich mit dem schreienden Säugling auf einen Stuhl zu setzen, selber  tief ein- und wieder auszuatmen und ihm dann mit ruhiger Stimme zu versichern, dass alles in Ordnung ist, er dürfe weinen so viel und so lange es ihm gut tue. Aletha Solter, die Gründerin des Aware Parenting Institutes in Kalifornien, ist bei uns leider noch unbekannt.

Was das mit Hitler zu tun hat? Ein wenig provokativ ist der Titel ja schon, aber er ist wahr. 

Wusstest du, dass das damalige Standardwerk über die Erziehung von Kindern „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer war? Dieses Buch gab es leider bis in den 80ern zu erwerben und es übte somit jahrzehntelang Einfluss auf Eltern, Ärzte und andere Fachpersonen aus. Darin stand zum Beispiel Folgendes: (Achtung so ziemlich das Gegenteil von Attachment Parenting)
  • Das Kind in den ersten 24 Stunden nach der Geburt möglichst allein in einen Raum zu legen,
  • Das weinende Kind nicht aus dem Bett zu nehmen, es nicht zu tragen oder zu wiegen oder zu trösten, da es sonst zum Haustyrann wird und immer wieder schreit um getragen zu werden,
  • Lieber soll es beim Weinen allein in einen stillen Raum geschoben und erst zur nächsten (planmäßigen Mahlzeit) geholt werden
  • Das Kind in der Nacht schreien zu lassen, damit es durchschläft.

Haarer schreibt:

„[….] dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszuheben, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, daß es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt und gefahren wird – und der kleine aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.“ (Haarer, 1939: 170).
„Bei großen kräftigen Kindern sei der Mutter abermals der Rat gegeben: Schreien lassen! Jeder Säugling soll von Anfang an nachts allein sein. Nun macht ja Kindergeschrei vor Türen und Mauern nicht halt. Die Eltern müssen dann eben alle Willenskraft zusammennehmen und, nachdem das Kind gut versorgt wurde, sich die Nacht über nicht sehen lassen. Nach wenigen Nächten, vielfach schon der ersten, hat das Kind begriffen, daß ihm sein Schreien nichts nützt, und ist still“ (vgl. Haarer, 1939: 171).
Klingt schrecklich, oder? Aber wenn man eben in ein System passen soll. Nicht auffallen soll. Gehorchen soll. Dem Führer folgen soll, macht es Sinn. Menschlich ist es nicht. Aber auf jeden Fall eine Erklärung weshalb diese Generation oft so fürchterliche Erziehungstipps bereit hält und um sich schmeisst.

Das Baby schreit und schreit?

Wenn sich die Eltern Sorgen machen weil das Baby wirklich mit gar nichts zu gar keiner Zeit zu beruhigen ist, dann sollten beim Kinderarzt Abklärungen getroffen werden um organische Probleme auszuschliessen. Auch zu empfehlen ist der Besuch bei einem Ostheopathen. Wir hatten eine Traumgeburt und trotzdem bin ich mit unserem Sohn (bei unserer Tochter war mir noch nicht bewusst, dass es sowas Tolles gibt) im Alter von 3 Wochen in die Ostheopathie. Die Ostheopathin hat mich und ihn wieder gerichtet. Wir hatten beide eine verspannte Leber, ich ein wenig Verspannungen im Becken und er in der Hüfte. Besonders bei Schreibabies habe ich schon gehört hat ein Besuch beim Ostheopathen Wunder bewirkt.

Der renommierte Psychologe Thomas Harms redet über die psychischen Ursachen. Mögliche Ursachen können zum Beispiel sein stressreiche Schwangerschaften, schwierige Geburten oder traumatische Bindungserfahrungen wie zu frühe Trennungen von der Mutter.

Unsere Kinder sind zum Glück keine Schreibabies. Ich glaube aber auch, dass das mit uns zu tun hat. Es klingt ein wenig harsch und so als ob Eltern von Schreibabies Schuld treffen würde. Das meine ich aber auf keinen Fall so. Was ich meine ist, das wir in unserer Familie grossen Wert darauf legen auf einander einzugehen. Als unsere erste Tochter im Alter von 4-5 Wochen doch auch relativ oft schrie, habe ich mich beobachtet. Was hat sie jeweils so unruhig werden lassen? Es gab zwei Gründe: 1. Mein psychischer Stress wenn ich mich mit Menschen umgab, die mir nicht gut taten. Und 2. Milchprodukte. Wann immer ich Kuhmilch trank oder Joghurt aus Kuhmilch konsumierte, war sie danach 2 Stunden unruhig, gestresst und hatte Schmerzen beim Verdauen. Das hat mich zur Recherche und langfristig zum Veganismus gebracht. In dem Moment in dem ich mit dem Besuchen von Menschen, die mir nicht gut taten aufhörte und noch deutlicher nachdem ich Milchprodukte absetzte, hat sie praktisch nie wieder geweint. Was ich damit sagen will? Uns ist es sehr wichtig auf unsere Bedürfnisse zu reagieren und nicht einfach mit Medikamenten zu übertönen. Deshalb weiss ich nicht ob ich wirklich qualifiziert bin darüber zu schreiben und trotzdem tue ich es, denn ich hoffe das jemand von diesem Post profitieren kann.

Ich hatte früher ein ziemlich grosses Problem mit schreienden Babies. Es hat in mir etwas getriggert aus meiner Kindheit. Ich habe darüber nicht nur oft gesprochen sondern auch in einer Wingwave Sitzung dieses Thema mit Erfolg aufgearbeitet. Im schlimmsten Fall war es so, dass ich den Starbucks verlassen musste weil ich eine Panikattacke kriegte, weil ein Baby nicht wirklich liebevoll beruhigt wurde und ich das mit ansah. Wie ich mir daraus geholfen habe kannst du hier lesen. 

Tipps für den Umgang mit (Schrei)Babies:

  • Körperkontakt sicher stellen. Stichworte Tragetuch und Familienbett. Es ist wichtig für das Baby Körperkontakt zu haben. In unserer Familie geben wir den Kindern so viel Körperkontakt wie sie es brauchen. Das gilt für das Baby aber auch für die Grosse. Wir drängen ihn weder auf, bieten ihn aber an wenn wir spüren, dass die Kinder uns brauchen. Auch hier mit Respekt und dem Eingehen auf die Bedürfnisse aller Mitmenschen. Das heisst, wenn jemand einfach gerade nicht mehr kann, eine Pause braucht, springt der andere Elternteil ein. Das funktioniert für uns so sehr gut. Es ist ein Urbedürfniss der Menschen sich zugehörig zu fühlen, nicht alleine sein zu wollen.
  • Darüber reden. Was immer beschäftigt, darüber zu sprechen hilft ungemein! Mit Hebamme, bester Freundin, Oma oder auch einfach in der Beziehung. Auch die Hilfe von Experten sollte man wenn man das Bedürfnis danach hat, unbedingt annehmen.
  • Selber präsent und bodenständig bleiben um dem Baby einen sicheren Hafen zu sein. Nicht immer einfach aber wenn man selbst ruhig und bei sich ist/bleibt hilft das sehr zur allgemeinen Beruhigung.
  • Nach Hilfe fragen. Eltern. Freunde. Stolz ist hier falsch am Platz.
  • Abklärung. Unbedingt ausschliessen dass das Baby keine grossen Probleme/Fehlfunktionen/ständige Schmerzen hat.
  • Beobachtung. Wann ist das Schreien? Was hast du vorher gemacht/gegessen/getrunken?
  • Cranio-Sacral-Therapie und/oder Osteopathie helfen körperliche Blockaden zu lösen, die während der Schwangerschaft oder auch während der Geburt entstanden sind.
  • Die eigenen Ressourcen aufladen. Immer wieder. 
  • Sich bewusst machen das man nicht ein Versager oder eine schlechte Mutter oder sonst was ist. Es geht gar nicht darum. Viel wichtiger ist die Ursache zu finden für das Unwohlsein.

Bitte die Babies auf keinen Fall einfach schreien und alleine lassen. Es ist nachgewiesen, dass Babies mit Körperkontakt weniger Stresshormone produzieren, weder die Babies, die alleine gelassen werden. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Schreien lassen nicht hilft das Urvertrauen zu stärken. Also bitte immer auf Bedürfnisse reagieren und nicht ignorieren. Sogar die Autoren des umstrittenen Buches „Jedes Kind kann schlafen lernen“ haben sich mittlerweile teilweise vom Inhalt distanziert, weil man heute einfach schon viel mehr über die Thematik weiss und somit auch darlegen kann, das Schreien lassen die Babies traumatisiert. 

Wenn man merkt, dass man sehr wütend wird (auf das Baby) und mit den Kräften am Ende ist, wenig Schlaf hilft da auch nicht gerade, sollte man sich therapeutisch begleiten lassen. Auf keinen Fall das Baby schütteln oder zu fest wiegen oder sonst was. Wenn man einen krassen Moment hat in dem man nicht mehr kann. Bitte das Baby sicher hinlegen und für ein paar Minuten das Zimmer verlassen (lieber als Schütteln oder sonst was!) und auf die Terasse einen Moment durchatmen, sich beruhigen, ein Schluck Wasser trinken und auch mal weinen wenn es raus muss, erst danach wieder zum Baby zurück. (Wenn du dich beruhigt hast)

Weitere persönliche Erfahrung: Kinder haben erinnert unmittelbar an die eigene Kindheit. Es kommen Dinge hoch, es fühlt sich Gewisses komisch an, bei gewissen Müttern (und Vätern) kommen Angstzustände auf, es können sich depressive (Ver)stimmungen zeigen. Mir hat geholfen, die eigene Kindheit objektiv und mit Hilfe zu betrachten,  aufzuarbeiten und zu heilen. So umgeht man auch das klassische Muster alles (bewusst oder unbewusst) gleich weiterzugeben. Ein simples Beispiel dazu, wenn du damals als Kind immer still sein musstest am Tisch und perfekt mit  Messer und Gabel essen musstest und du jetzt dein Kind auch dazu erziehen willst, kannst du dich fragen ob das wirklich dein Bedürfnis ist, das so früh beizubringen. Oder aber ob du es eigentlich als okay erachtest, dass dein Kind in diesem Alter noch mit den Händen isst oder rumschmiert. Muster werden uns erst klar wenn wir ganz genau hinschauen und auch ganz ehrlich.

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